Tuesday, December 12, 2006

Kunst – Nicki Schaepen kopiert Alte Meister, malt eigene Bilder und forscht über die Bedeutung der Hungertücher
Beeindruckt von der Bildsprache
von Raphaela Weber

MÖSSINGEN. Ob er die Hungertuch-Ausstellung in der Marienkirche mitgestalten wolle? Als Gemeindereferentin Gabriele Ruppert erfuhr, daß der in der Kirchengemeinde engagierte Nicki Schaepen Kunsthistoriker ist, wandte sie sich an ihn. „Ich habe gleich ja gesagt.“ Nicki Schaepen plante mit, wie die Tücher im Kirchenraum aufgehängt werden. Und er schrieb die Texte für den Ausstellungsführer. Kirchengeschichtliche und liturgische Bedeutung der alten Hungertücher faszinieren ihn. Mit ihnen wurde der Hochaltar während der vorösterlichen Fastenzeit verhüllt. Ursprünglich waren diese Tücher auch nicht bemalt. „Es war nur weißes Leinen“, weiß der Kunstsachverständige.

Erst im Hochmittelalter bemalte man sie mit Szenen aus der Heilsgeschichte. „Sie wirken dadurch wie ein aufgeschlagenes Buch“, so Nicki Schaepen. Es sei schwierig, über die Geschichte der Hungertücher zu forschen und sich zu informieren. „Es gibt viele regionale Besonderheiten“. Vieles in der Literatur sei ungenau und widersprüchlich.

Die modernen Hungertücher wurden erst 1976 wieder entdeckt. Sie besagen jetzt etwas ganz anderes: „Sie verhüllen nichts mehr, sie zeigen etwas“. So vielfältig künstlerisch sie auch gestaltet sind, eines haben sie gemeinsam: „Die Menschen, die sie gemalt haben, wollen damit auf die Nöte in ihrem Land aufmerksam machen und bitten um Hilfen und Solidarität.“

Die Bildsprache der modernen Hungertücher – viele von ihnen entstehen in den Entwicklungsländern – beeindruckt Nicki Schaepen besonders. „Sie ist sehr unmittelbar, direkt und dadurch leicht zu begreifen“. Die Symbole seien einfach zu verstehen, und sie berührten die Menschen auf ganz unterschiedliche Weise, weil sie verschiedene Interpretationen zulassen. „Das finde ich sehr schön“, sagt er. Die Erforschung der Hungertuch-Tradition für die aktuelle Ausstellung ist nur ein Arbeitsgebiet Nicki Schaepens.

Auf einem anderen Sektor begann er vor vielen Jahren: Er kopiert leidenschaftlich gern Alte Meister. Über dem Eßtisch der Familie hing ein Druck von Giovanni: „Der Ölberg-Christus“. Während er als elfjähriger Junge an diesem Tisch seine Hausaufgaben machte, malte er diesen Druck mit Buntstiften ab. Diese Kunst entwickelte er weiter.

Mit steigender Höhe des Taschengeldes wurden auch die Mal-Utensilien immer ausgefeilter. Van Dyck, Delacroix, Rembrandt: Alles, was in der Welt der Malerei Rang und Namen hat und sonst nur in den Museen zu sehen ist, hängt bei ihm im Wohnzimmer und bringt die Besucher zum Staunen. „Leider sind das nur Kopien“, sagt Nicki Schaepen und lacht.

Aber er hat die Kopien meisterlich angefertigt. Sie wirken täuschend echt und schmücken die Wände eines Zimmers, das wirkt, als würde man mitten in Mössingen, gleich neben der Peter- und Paulskirche, ein englisches Cottage betreten. „Ich bin ein großer Englandfan“, bekennt Nicki Schaepen, der in Hechingen geboren wurde. Aufgewachsen ist er in Mössingen. Nach dem Abitur am Quenstedt-Gymnasium studierte er Kunstgeschichte und Neuere Geschichte. Er hat auch Echtes in seinem Wohnzimmer: Die Tapete in einem warmen Rot ist eine Originaltapete aus England. Das Mobiliar sind Erbstücke. Im Raum nebenan hat der 29-Jährige sein Atelier.
Hier kopiert er nicht nur, er malt auch eigene Bilder. Gerade arbeitet er an einer Venedig-Ansicht. Und er hat ein Faible für Benedikt XVI. Nicki Schaepen arbeitet an einer Serie über den Papst. Ist der Papst denn schwierig zu malen? „Nein, überhaupt nicht“, sagt er, es sei vielmehr interessant, ihn zu malen. Bei einem Papstporträt, von denen es viele gebe, lasse sich auch gut an die Tradition anknüpfen, für die sich die klassische Malweise eignet. Für das große Papstbild hat er Fotovorlagen verwendet. „Ich kann ihn ja nicht persönlich malen“, bedauert er ein bißchen und lacht dabei.

Fastentuch-Vortrag
Ergänzend zur Ausstellung in der Mössinger Marienkirche gibt der Kunsthistoriker Nicki Schaepen am Montag, 12. März, einen Einblick in die Entstehung und Tradition des Hungertuches. Sein Vortrag „Das Fastentuch im Mittelalter“ beginnt um 20 Uhr. Für den musikalischen Rahmen sorgt das Holzbläser-Ensemble der Jugendmusikschule Steinlach unter Leitung von Michael Koch.


Entnommen aus: Reutlinger Generalanzeiger am 10. März 2007.

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