Tuesday, December 12, 2006

Liebe Freunde!

Auf vielfachen Wunsch stelle ich nachfolgend jenen Artikel zum Lesen bereit, den das Schwäbische Tagblatt am 18. Jänner diesen Jahres veröffentlicht und der - zu meinem Erstaunen - ein größeres Echo bewirkt hat.

Kunsthistoriker, Künstler, Katholik
Nicki Schaepen aus Mössingen kopiert Alte Meister und ist Spezialist für Hungertücher

MÖSSINGEN. Die Waibachstraße ist ein Stück Alt-Mössingen. Dort stehen Jahrhunderte alte Häuser, wohnen Alteingesessene und Mössinger Originale. Doch in einem der jüngeren Bauwerke, gleich bei der Kirche, wähnt man sich in einem englischen Cottage, wenn man die Einliegewohnung im Erdgeschoß betritt. Es ist der Wohnsitz von Nicki Schaepen, eines Kunsthistorikers und Kopisten, der die Hungertuch-Ausstellung in der Marienkirche mitgestaltet (wir berichteten).

Das Zimmer wirkt mit seinen roten Tapeten, dem offenen Kamin im Hintergrund, den kleinen, feinen Empire-Möbeln und wertvollen Ölbildern an den Wänden absolut stilecht: Ingres, Delacroix, Rembrandt, Raffael, Giordano. Alles, was gut und teuer ist. Doch das meiste davon ist eine Täuschung: Der Bewohner dieser vier Wände ist ein Maler, der seit dem elften Lebensjahr Alte Meister kopiert – und das nicht schlecht: Aus der Ferne ist man geneigt, sein Selbstbildnis des jungen Rembrandt für ein etwas aufgefrischtes Original zu halten.
„Ein Jugendwerk“, schränkt Nicki Schaepen sogleich ein. Der 29-Jährige hat das Auftreten und Understatement eines englischen Dandys. Dabei ist er in Hechingen geboren, in Mössingen aufgewachsen, aufs Quenstedt-Gymnasium gegangen und hat bei der Körperbehindertenförderung seinen Zivildienst gemacht. Danach an der Tübinger Uni Kunstgeschichte, Neuere Geschichte und Empirische Kulturwissenschaft studiert und dort auch –nach einem Abstecher nach Berlin – im vergangenen Jahr Examen gemacht. Jetzt bewirbt er sich gerade um ein Stipendium in Oxford und tüftelt an einer Doktorarbeit.

Eine ganz normale Akademiker-Laufbahn also, wäre da nicht dieses ungewöhnliche Hobby. Woher er seine Leidenschaft für Alte Meister nahm, vermag Nicki Schaepen nicht zu sagen. Sein Vater ist Werkzeugmacher, seine Mutter war Näherin bei der Pausa, zu Hause überm Küchentisch hing lediglich eine Reproduktion, ein billiger Druck. Dennoch entwickelte Schaepen über Jahre eine Kennerschaft, ja sogar Virtuosität im Umgang mit alten Farben, Firnissen, Leinwänden und Herstellungsverfahren, um das ihn vermutlich mancher Fälscher beneiden würde.

„Das ist für mich auch während des Studiums ein Ausgleich zur bloß theoretischen Beschäftigung mit der Kunst geblieben“, sagt Nicki Schaepen. Durchs Kopieren fand er einen – seinen ganz eigenen Zugang zur Kunst voriger Jahrhunderte. Er konnte sich ganz sinnlich-praktisch, sozusagen mit dem Pinsel in der Hand, ans Lebensgefühl früherer Epochen herantasten. Kein Wunder, daß ihm auch im Studium alte Kunst näher lag als Junge Wilde.

Zur Hungertuch-Ausstellung kam Schaepen aus einem anderen Grund: weil er in der katholischen Gemeinde aktiv ist. Gemeindereferntin Gabriele Ruppert fragte ihn, ob er Interesse daran habe, etwas beizutragen. Und Nicki Schaepen sagte ja. Von ihm kommen nun der erklärende Einführungstext und die ikonographischen sowie liturgischen Erläuterungen zu den Hungertüchern, die in der Schau ausgestellt sind.

Das Thema Hungertuch hat den jungen Kunsthistoriker, Künstler und Katholiken sogleich beeindruckt, weil es eine große Vielfalt historischer, sozialer, künstlerischer und religiöser Zugänge zur Kunst bietet. Bis zum Mittelalter waren die Fastentücher unbemalt und hatten einzig und allein den Zweck, das liturgische Geschehen vor der Gemeinde zu verbergen. Später entstanden dann zum Teil sehr kostbare, bemalte und verzierte Hungertücher, die fürs leseunkundige Volk die Funktion einer Armen-Bibel hatten. Alles Unikate.

Die jüngeren Hungertücher hingegen sind in Massen-Auflagen bis zu 40 000 Stück gedruckt worden, auch bei Pausa. Es sind darunter künstlerisch sehr anspruchsvolle Entwürfe wie das Hungertuch des deutschen Künstlers und Priesters Sieger Köder, das des argentinischen Friedensnobelpreisträgers Adolfo Pérez Esquivel oder des Haitianers Jacques Chéry, aber auch Arbeiten namenloser Indios aus Peru, die dennoch allesamt eine deutliche Botschaft haben: den Hunger nach sozialem Ausgleich und Gerechtigkeit in der Welt.

Ulrich Eisele

Info Die Hungertuch-Ausstellung wird am 21. Februar in der Marienkirche eröffnet. Am 12. März hält Nicki Schaepen dort einen Vortrag über „Das Fastentuch im Mittelalter – Entstehung und Tradition“.

4 comments:

Schneewittchen said...

Danke für den Artikel, er war interessant. Ich warte gespannt auf jede neue Malerei!

Nicki Schaepen said...

Liebes Schneewittchen!

Es freut mich, daß Ihnen der Artikel gefallen hat. Im besonderen mag ich seine ironische Note... sie ist zur Gänze angebracht.
Es gibt noch viele Bilder zu malen. Im besonderen habe ich noch einige eigene Projekte, denen ich mich in nächster Zeit zuwenden werde. Mehr dazu auf: http://historicalpaintingtechniques.blogspot.com/ oder per E-Mail: nicki@schaepen.de

Herzlich

Nicki Schaepen

Helen said...

Lieber Nicki!

Danke für den Artikel, habe ihn gerade gelesen und fand ihn ironisch und "enlightening". Ich freue mich auf deine neuen Bilder!x

Nicki Schaepen said...

Liebe Helen!

Vielen Dank, daß Du dann und wann meinen Blog besuchst und daß Du Interesse an dem Artikel gefunden hast! Seine ironische Note ist freilich die Würze des Ganzen.
Freue mich immer, von Dir zu hören.
Herzlich!

Nicki