Friday, January 05, 2007

Papst Benedikt XVI. und die Venezianer
Nicki Schaepen, Papst Benedikt XVI, beg. 2005, unvoll., Öl auf Leinwand, 120x80 cm.

Als sich im Herbst vorletzten Jahres die Gelegenheit bot, eine Woche in der herrlichen Lagunenstadt Venedig zu verbringen, um mich in Gänze dem Gebet und dem Genuß der Bildenden Künste hinzugeben, faßte ich bereits den Entschluß, direkt nach meiner Heimkehr ein Portrait zu verfertigen, welches den heiligen Vater zeigen sollte. Mein festes Ansinnen, insbesondere die famose und weit gerühmte venezianische „prestezza“ genauestens zu studieren und mir im Geiste ihre Weise einzuschreiben, war freilich ganz durchdrungen von dem eitlen Wunsch, die verehrten Meistern des ausgehenden Cinquecento tiefer verstehen zu können. All zu oft lehnte ich mich über Balustraden und sonstige Absperrungen hinweg, aktivierte dann und wann den die kostbaren Exponate schützenden Alarm und erhielt endlich auch strenge Blicke, ein empörtes Räuspern oder gar den Tadel des Aufsichtspersonals.

Doch mußte ich ja genügend nahe an die Leinwandoberfläche mich heranwagen, so nahe, daß bereits die feinen, kaum sichtbaren Härchen auf meiner Nase zu kitzeln begannen und ich den staubigen Duft der Jahrhunderte erschnüffeln konnte, welcher mir entgegenwehte. Ich wollte so gut als möglich sehen können, von welcher Konsistenz die groben Abbozzostriche Tintorettos waren, ob sich des Künstlers kühner Strich am Leinwandkorn brach oder ob er eher glatt und ebenmäßig verlief. Es war eine ergötzliche Freude, die auf- und abstrebenden Rauten der Fischgrätbindung durch die Farbschichten hindurchschimmern zu sehen, entdecken zu können, wie sich winzige Rückstände in den rauhen, an schroffe Felsstrukturen gemahnenden Zwischenvertiefungen des Impastos sammelten. Tintoretto mußte gleichsam pastos und flüssig gemalt haben. Da war ich mir sicher!
Wieder in die beschaulich derbe Umgebung meiner schwäbischen Heimat zurückgekehrt, zehrte ich von den Erinnerungen, dem Duft der modrigen Kirchen, den farbgewaltigen Eindrücken Bellinis und Tintorettos. Sie verwoben sich mit polyphonen Klängen Monteverdis, hie und da gluckste ein Kanal, dort flötete ein Organum. Wie also sollte ich nun jene Beobachtungen umsetzen, die ich an Tintorettos Beispiel gesammelt hatte? Ich entschloß mich, die Quellen etwas ausführlicher zu konsultieren und verbrachte viel zu viel Zeit damit, in altehrwürdigen Bibliotheken mehr zu erfahren, über die Grundiertechniken der Venezianer. Schließlich entschied ich mich für eine Emulsionsgrundierung. Im warmen Wasserbad vermengte ich den scharf riechenden Hasenhautleim mit Bologneser Kreide, braunem Ocker aus dem Veneto und dem so berüchtigten Kremserweiß. Als sich eine viskose Masse geformt hatte, emulgierte ich in fließenden Tropfen mein geliebtes Oleum crassum hinein. Törichterweise hatte ich entschieden, die zähe Grundiermasse mit dem Lammfellroller aufzutragen, um eine möglichst gleichsaugenden Unterlage zu erhalten. Nach dem Durchtrocknen der Grundierschichten mußte ich dann zu meinem Bedauern feststellen, daß sich die Oberfläche nicht in der gewohnten Weise glätten ließ. Ich mußte mit einer Oberflächenstruktur leben, die mehr einem Hausputz glich als jener so eigentümlichen Verbindung von glatter Oberfläche und durchschimmerndem Leinwandkorn.

Trotzdem entschied ich mich, weiterzugehen und mit der Malerei zu beginnen. Nachdem ich die Umrisse grob skizziert hatte, bepinselte ich die Leinwand mit einer sehr dünnen Schicht aus verdünntem Leinöl und begann danach, naß in naß zu malen. Der gegenwärtige Stand der Dinge verdrießt mich ein wenig und ich bin noch nicht sicher, ob ich das Bild fertigstellen werde.

2 comments:

Anonymous said...

Ein Kunsthistorikerkollege der selber malt und - wenn ich's recht verstanden habe - ein angehender Theologe, der einen Schwerpunkt auf religiöse Themen gelegt hat. Eine ideale Grundlage für künstlerisches Schaffen! Eine Art Realismus, der keinesfalls altbacken oder altmeisterlich wirkt, sondern viel Spielraum für neue Entwicklung lässt (so weit ich das beurteilen kann).
Die Beschreibung über das Bilderstudium in Venedig hat mir gleichfalls gut gefallen - auch in literarischer Hinsicht. Kompliment!
Beste Grüße
Peter Stephan, Freiburg

Nicki Schaepen said...

Lieber Herr Stephan,

haben Sie ganz herzlichen Dank für Ihren freundlichen Kommentar, der mir diesen strahlenden Sonntagmorgen vervollkommnet hat. Sie sind also Kunsthistoriker und studieren/ lehren/ arbeiten in Freiburg?! Befassen Sie sich mit der venezianischen Malerei des Cinquecentos?

Ich hoffe, wieder von Ihnen zu hören und sende Ihnen ganz herzliche Grüße!

Nicki Schaepen